Ausgebremst!

Mond Hennef

Fast so düster wie das Bild fühlt es sich für mich an, als ich mir selber eingestehen muss, dass wir wirklich keine Chance haben und aus Deutschland nicht raus kommen. Der Traum, den ich so lange habe und auf den wir jetzt fast ein Jahr hinarbeiten, gestoppt! Ich bin zum Zuschauen degradiert und darf nicht agieren!

Ich bin fassungslos und wütend! Ich kann und will mich damit nicht abfinden, dass wir an keiner Grenze rüber kommen.

Am Anfang hatte ich noch Hoffnung. Vielleicht kommen wir als Transitreisende durch. Wir versuchten es an kleineren Grenzübergängen an der tschechischen Grenze. Auch Waldwege brachten nicht den gewünschten Erfolg. Eine neue Strategie muss her… wir zeigen dem nächsten Grenzbeamten, dass wir die Visa schon in unseren Pässen haben und kommen dann vielleicht durch?!

Die tschechischen Grenzbeamten verweisen uns an die polnischen Grenzbeamten. Aber auch hier sind mehrere Anläufe zwecklos. Kilometerlange Staus bringen uns nicht weiter und auf Nachfrage wird uns erklärt, dass wir keine Chance haben, das Land zu verlassen!

Innerlich koche ich vor Wut! Was für ein großer Mist!!! Da plant man so eine Reise und wird so abrupt von 100 auf 0 ausgebremst. In mir machen sich Vorwürfe breit. Ich hätte in der Nacht durchfahren sollen, dann wären wir wenigstens schon mal in Polen! Gibt es keinen anderen Weg? Vielleicht durch den Wald? Die können ja nicht die ganze Grenze bewachen…

50/50 (Pipty, Pipty)

Daniela ist froh, dass wir nicht über die Grenze gekommen sind. Sie möchte in diesen Zeiten nicht irgendwo außerhalb Deutschlands feststecken. Für mich sind das Gedanken, die ich so absolut nicht nachvollziehen kann! Wo bleibt der Reiz, wo das Abenteuer?

Wir diskutieren viel miteinander und innerlich können wir die jeweils andere Seite nicht verstehen, vielleicht wollen wir das auch nicht… Die Emotionen sind gefühlt am Siedepunkt. Jeder versucht, dem anderen nicht in die „Quere“ zu kommen…

Für mich ist es einfach unerträglich! Ich möchte Daniela gerne nach Hause bringen und alleine weiter fahren. Alleine werde ich mich schon irgendwie durchschlagen. Irgendwo finde ich ein Schlupfloch!

Widerstand ist zwecklos!

Ich möchte gerne im Norden Deutschlands bleiben und warten, bis sich die erste Hysterie gelegt hat und wir dann in wenigen Tagen weiter fahren können. Daniela willigt ein und akzeptiert meinen Vorschlag.

Wir suchen also einen Stellplatz, wo wir die nächsten Tage bleiben und übernachten. Leider will uns aber niemand vor Ort haben. Alle Stellplatzbetreiber sind gezwungen, die Urlaubsreisenden abzuweisen – Fahrt nach Hause! Auch sonst stoßen wir nur auf Ablehnung.

Wir fahren weiter und im Dunkeln finden wir einen absolut verdreckten Parkplatz außerhalb eines kleinen Ortes. Widerwillig müssen wir hier bleiben, denn wir sind müde und Buddy muss dringend mal für Vierbeiner. Wir drehen mit Buddy noch eine kurze Runde, erledigen das Notwendige und sitzen dann desillusioniert im QuadroX. Beide starren jeweils auf das eigene Smartphone und vertraute Zweisamkeit sieht anders aus.

Der Plan, in die Mongolei zu fahren und auf dem Weg dorthin Kasachstan zu besuchen, der Ort, an dem meine Geschichte begann, muss verschoben werden.

Der nächste Morgen

Es steht fest, wir fahren erst einmal zurück. In meinem Kopf herrscht immer noch ein wildes auf und ab. Vielleicht breche ich alleine auf und fahre weiter. Eventuell kann Daniela dann irgendwann mit dem Flieger nachkommen – wenn sie will.

Da planen wir unsere Zukunft, unser Leben und meinen, alles im Griff zu haben. Wir wägen uns in Sicherheit und vertrauen so sehr auf unsere eigene Kraft, auf unsere Leistung, auf Dinge, die uns absolut keine Sicherheit bringen. Denn all das kann uns genommen werden!

Wir sind wieder Zuhause angekommen. Buddy rennt wie ein falscher 50er umher und ich fühle mich hier aktuell auch nicht ganz wohl. Denn eigentlich sollten wir nicht zu Hause sein. Immer wieder höre ich: Wer weiß, wofür das gut ist. Und klar ist, dass die Leute damit recht haben, denn wer weiß schon, wofür das ganze gut ist…

Ist es nur ein weiterer Test? Entweder bestehe ich den Test, oder eben nicht? Meine Reaktion auf den Umstand ist es, die mich gedanklich so sehr einnimmt. Aber wir wären nicht Menschen, wenn wir die Gefühle, die Dinge, die uns beschäftigen, einfach abstellen könnten wie eine Maschine.

Aber wir bestehen nun einmal nicht nur aus Einsen und Nullen. Wir haben viele Schattierungen dazwischen und das macht den Menschen aus.

4 Kommentare

  1. Chris März 22, 2020

    Hallo ihr Zwei,
    sehr persönliche Worte, die Du Alex hier uns Mitlesern, Mitfühlenden und Mitfiebernden eures Traums Preis gibst. Man fühlt deine Zerrissenheit und Verzweiflung. Auch wenn ich dich gar nicht kenne, sondern nur deine liebenswerte Daniela, finde deine innere Ruhe wieder und startet gemeinsam wieder durch, sobald die Grenzen wieder offen sind. Seid jetzt für euch und eure Lieben da.
    LG
    Chris

    • Alex März 22, 2020

      Hallo Chris,
      danke Dir für die mitfühlenden Worte. Es war für mich wirklich nicht leicht, dass alles zu akzeptieren und so hinzunehmen.
      Das ist auch der Grund, warum ich so lange keinen Beitrag schreiben konnte/wollte. Es wäre zu ungefiltert…
      Aktuell hoffe ich, dass wir das alle gemeinsam gut überstehen. Und wer weiß, vielleicht erleben wir dann einen zweiten Frühling.
      LG Alexander

  2. Mone März 22, 2020

    Hallo ihr Beiden,
    es ist traurig zu lesen, dass ihr so rüde gestoppt wurdet. Aber bitte gebt euch nicht gegenseitig die Schuld und überlegt nicht „hätte, würde, könnte, sollte,,,“
    Corona macht euch einen Strich durch die Rechnung, das hätte auch eine durchfahrene Nacht nicht geändert.
    Es war der Plan, gemeinsam zu reisen, also geht auch gemeinsam durch diese Krise, bis es wieder möglich ist, auf Tour zu gehen.
    VG CC Mone

  3. Ina Fabbro März 22, 2020

    Hallo Schwesterherz und Schwager
    Ich fühle soooooo sehr mit Euch… es tut mir wirklich soooo leid
    Wenn man so lange daraufhin gearbeitet hat und alles passend war… und dann im letzten Moment doch alles nicht möglich ist, kann es nur eine bittere Pille sein, die ihr jetzt schlucken musstet…
    Aber ich hoffe sehr, dass Euer Traum noch Wirklichkeit wird und wünsche Euch viel Kraft und Geduld bis dahin!

    Ich denk an Euch

    Liebe Grüße

    Ina

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